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Bierschinken Special mit The Toten Crackhuren im Kofferraum, Bazooka Zirkus, Kruste @FZW Dortmund, 29.10.20

Mittwoch, 28.10.20: Natürlich komme ich ein mal mehr nicht drum rum, das leidige Thema zur Sprache zu bringen. Insbesondere, nachdem gestern Beschlüsse getroffen wurden, bei denen nicht wenige so langsam das bis dato noch vorhandene allumfassende Verständnis abzulegen gedenken. Doch dazu später. Ich möchte mich zunächst ein wenig unbeliebt machen:

In meiner Facebook-Timeline, ohne die einem traurigerweise ja gar nicht möglich wäre, dieses Stimmungsbild zu registrieren, hagelt es Profilbildchen, die deutlich machen, dass die Köpfe hinter den Buchstaben für den Kunst-, Kultur- und Gastronomie-Lockdown kein Verständnis haben. Viele Gastronomen und Veranstalter*innen haben sich in den letzten Wochen und Monaten finanziell und Arbeitstechnisch den Arsch aufgerissen. Sie haben Hygienekonzepte erarbeitet und für teures Geld Trennwände, Luftreiniger und weiteres beschafft. Und jetzt kommt der dicke Arschtritt: 4 Wochen mindestens nochmal alles runter fahren. Die Betonung liegt vermutlich auch noch auf mindestens.

Und ohne Scheiß: Ich hätte sogar Verständnis dafür. Und hier liegt die Betonung auf dem Konjunktiv. Die ganze Scheiße einmal komplett runterfahren, für 2-3 Wochen und so dem Virus die Schnitte nehmen, sich überhaupt noch verbreiten zu können. Nur ist das leider völlig unrealistisch, da es viel zu viele Arschlöcher gibt, die das alles nicht ernst nehmen und selbst bei der Androhnung der übelsten Strafen noch im Keller ihre Parties feiern. Und wo an anderer Stelle das Kapital natürlich im Mittelpunkt steht und die Gefahren des Turbos respektive Außenbordmotors vor den Augen droht. Meine Fresse, was hätten wir doch für eine großartige Chance gehabt, das ganze System, das seine Anfälligkeit gerade so wunderbar nach außen kehrt, in Frage zu stellen. Aber an der Stelle sind vielleicht die einen längst desillusioniert und haben keinen Bock ihre Meinung als mal wieder verkürzte Kapitalismuskritik dissen zu lassen. Und diejengen, die jetzt so richtig die Arschkarte gezogen haben, sind vielleicht zu realisitsch geworden und haben eingesehen, dass es schon längst nicht mehr lohnt einen Kampf zu kämpfen, den man sowieso verliert. Es ist so jammerschade, dass ausgerechnet jetzt nur diese Volltrottel den Arsch hochbekomnen, die uns erzählen wollen, dass wir so furchtbar angepasst sind und sie die großen Retter*innen mir ihrer Verschwörungsscheiße. Aber es ist nun mal so wie es ist und da bleibt wohl auch mir nichts anderes übrig als - wenn ich es denn überhaupt will - die derzeitige Situation an ihrer Realität zu messen.

Ach ja, jetzt hätte ich ja fast vergessen, mich unbeliebt zu machen. Und habe schon im letzten Absatz den angeblichen Konjunktiv extra betont. Ganz so ist es aber gar nicht. Das heißt schon, aber anders. Ja, ich bin mir sicher, dass mich heute Abend ein gutes Hygienekonzept erwartet. Und ich bin mir auch sicher, dass das in den Räumlichkeiten von genau diesen Verantwortlichen gut umgesetzt wird. Solange nicht irgendwelche Spinner dazwischen sind, wovon ich aber nicht wirklich ausgehe. Doch genau an der Stelle kriegen wir ein Problem miteinander: Großartige Hygienekonzepte sind immer darauf angewiesen, ob die Menschen sich daran halten und wie sehr diejenige Person, die für die Umsetzung verantwortlich ist, überhaupt selber dazu steht. Und da habe ich neben einer großartigen Umsetzung samt toller Menschen auch schon die eine oder andere große Scheiße erlebt. Und das betrifft Veranstalter genauso wie Publikum.

Nun kann mensch natürlich sagen, dass sowas ja kontrolliert werden könne. Doch zum einen: Will ich wirklich das Ordnungsamt oder die Cops auf einmal neben mir stehen haben, um so eine Veranstaltung besuchen oder durchführen zu können? Wo fangen die Kompromisse an, wo hören sie auf? Ich weiß, bei der Kohle und beim Selbstzweck.

Aber vor allem zum anderen: Was bringt eine Kontrolle und ein Abbruch, wenn das Chaos samt Virus dann schon längst ausgebrochen ist? Unterm Strich muss ich dann tatsächlich feststellen, dass ich ein Runterfahren an der Stelle irgendwie doch nachvollziehen kann. Wenn dann tatsächlich sicher gestellt wäre, dass es im Kontext mit allen anderen Maßnahmen nachvollziehbar wäre und wirklich niemand dadurch finanzielle Verluste erleiden müsste. Und an der Stelle hasse ich mich schon wieder selber, da sich mein "Verdammte Axt, packt mal Eure Ideale aus" mir selber gegenüber als Geheuchel herausstellt.

Hey, Ihr müsst mich nicht hassen. Und ich komme auch erst gar nicht mit einem: "Bedankt Euch bei denen aus den eigenen Reihen, die es nicht kapiert haben". Und - ich habe es selbst gelesen - zum Teil jetzt am lautesten in Textform schreien. Ist geschenkt, wirklich. Denn ich lasse meinen Konjunktiv natürlich nicht wirklich los. Denn wenn wir uns auf der anderen Seite anschauen, wo sich das Virus mit staatlicher Genehmigung weiter verbreiten darf, dann kann ich diese Entscheidung doch gar nicht unterschreiben. Überfüllte Busse mit Schulkindern, Kitas, viele Arbeitsplätze ohne Homeoffice, selbst wenn es möglich wäre. Schlachthöfe und all der ganze Scheiße. Und nicht zu vergessen: Gotteshäuser. Herr im Himmel! Die inzwischen als Infektionsherde bekannten Kirchen und all die Häuser nicht christlicher Glaubensrichtungen bleiben natürlich geöffnet. Was soll uns auch da schon passieren, wo der Vollstrecker die Begnadigten einsammelt? Und irgendwas müssen wir ja schließlich tun, damit das mal ein Ende nimmt. Und beten ist da natürlich im christlich geführten Land ganz oben auf der Liste.

Wo sind wir jetzt eigentlich gerade? Konjunktiv? Radikale Systemkritik? Mindestlohn? Ich hab den Überblick verloren, sorry. Und was will ich denn jetzt eigentlich? Ich weiß es nicht, wirklich nicht.

Ich für mich werde jedenfalls weiterhin den schmalen Grad zwischen größtmöglicher selbstbestimmter Verantwortung zzgl. Solidarität suchen. Jaja, ich darf das mit der Selbstbestimmung, denn ich bin ja vernünftig.

Und angesichts privaten Umfelds und Verantwortung für mehr als mich und diesem, werde ich tatsächlich meinen eigenen Lockdown ab übermorgen vollziehen. Völlig ungeachtet von Gesetzen und Verordnungen. Aber heute wird nochmal schön die Kanne im Kreis rumgereicht, ist ja schließlich noch erlaubt. Danke, Heiner! Äh, Karl.

Samstag, 31.10.20: Den Rest schreibe ich dann mal mit eintägiger Verspätung. Mehr dazu am Ende.

Die Hinfahrt war unspektakulär, obwohl ich extra die S-Bahn genommen habe, da diese 4 Minuten länger benötigt, als der Regionalexpress. Nicht einmal nasenfreie Maskenträger*innen, über die ich mich empören könnte. Wat is los, Dortmund?

Draußen vorm Tore gibt es noch ein Ründchen Hansa und beim Einlass wird´s dann mal wieder lächerlich. Ein hoch auf Fö, ein hoch auf Roger und ein hoch auf alle die, ja auch städtischen Förder*innen, die immer wieder diese tollen Veranstaltungen für überschaubare Eintrittskohle realisieren. Aber dieses, wo zumindest die erstgenannten nix zu können, Securitygeschwaderding hier geht mir so zunehmend auf den Sack. Aufkleber und Edding am Eingang abgeben... ja geht´s noch? Seid froh, wenn mal jemand etwas Farbe in euren tristen Betonklotz bringt. Wir sind doch hier nicht bei Bayer Leverkusen im Stadion! Oder bei Curly auffem Klo. Und den Edding, der eigentlich nicht einmal für innerbauliche Maßnahmen gedachten war, hätte ich sehr gut gebrauchen können. Denn der tatsächlich einzige Aufkleber auf den Örtlichkeiten ist von einer Band, die so unfassbar schlecht ist, dass ich ihn nicht einmal mit den Fingern hätte berühren und abknibbeln wollen. Da wäre der Edding Gold wert gewesen. Auch wenn ich ihn danach hätte entsorgen müssen.

Um mich aber auch im berichtenden Rahmen dazu abschließend noch kurz der Lächerlichkeit preiszugeben (Achtung, Selbstgespräch!): Maks! Auch wenn Du Deine Aufkleber nicht abgeben möchtest. Der Spruch "ey, ich kenn den Veranstalter, das geht schon klar" war schon immer peinlich und hat noch nie zum gewünschten Erfolg geführt. Selbst wenn er ironisch gemeint gewesen wäre.

So, Hygienekonzept. Großartig! Einbahnstraßen, Zweierplätze, viel Abstand und auch an der Stelle wieder viel aufpassende Security, dass all das eingehalten wird: Maximal so und so viele Leute zusammen, Abstand, Masken. Und ich bin auch kurz mal genervt, wenn ich mich zu drei noch nicht begrüßten Freund*innen stelle um hallo zu sagen und zu fragen, wie es so geht, nach all der langen Zeit, die wir uns nicht gesehen haben. Und schon steht wieder jemand neben mir, dem ich erzähle, wir wären eine WG, nur damit ich den Satz zu Ende sprechen kann. Aber an der Stelle nehme ich die tatsächlich mal in Schutz. Denn es kann gar nicht genug darauf hingewiesen werden, wie scheiße wir uns teilweise verhalten. Es bin nicht nur ich, es sind auch gefühlt alle anderen, die hier mehr riskieren, als nötig. So nehme ich es im Rahmen meiner Refkletion jedenfalls wahr und das ist selbstverständlich arg subjektiv. Und die darauf Achtenden stoßen schnell an ihre Grenzen. Insbesondere im Raucher*innebereich stehen die Besucher*innen nah aneinander. Und damit meine ich nahe zu alle hier Stehenden. Auf die 1,50 Meter achtet hier kaum jemand, geht auch kaum, da niemand im Regen stehen will. Und Maske beim rauchen ist eher unpraktisch. Es wird genau das deutlich, was ich anfangs bereits beschrieb. Besser als das für heute ausgearbeitete Hygienekonzept, kann man es nicht machen. Fö und Co. haben sich hier den Arsch aufgerissen und das bestmögliche rausgeholt. Am nächsten Morgen denke ich dennoch, dass hier sehr viele riskante Begegnungen stattgefunden haben, die jeder Einzelne in der viel zitierten Eigenverantwortung hätte verhindern können. Und deswegen ist dieser Lockdown, auch was die Veranstaltungsbranche betrifft, für mich durchaus sinnvoll. Aber - und das möchte ich nochmal betonen - solange Kitas, Schulen, Gotteshäuser, Friseure und und und geöffnet haben, ist diese Entscheidung nicht nachzuvollziehen. Und das ist kein Whataboutism, sondern steht im direkt Zusammenhang zueinander. Und heißt weniger: "Wir wollen auch dürfen, wenn die dürfen." Als viel mehr: "Jetzt seid doch endlich mal konsequent!"

Es liegt in der Natur des Menschen, dass ein Großteil erstmal seine eigenen finanziellen Belange und Interessen in den Fokus stellt. Das gilt für uns Konzertaffine Menschen und vor allem diejenigen, die ihr Geld damit verdienen, genauso wie für andere gerade der Bodenlosigkeit entgegen Sehende. Aber verdammte Axt: Die Antwort darauf ist nicht, für die Aufrechterhaltung genau dieser eigenen im bestehenden Rahmen zu kämpfen. Sondern in Frage zu stellen, warum dieses System es so notwendig macht, dass viele von uns jetzt ihre Existenzen bedroht fühlen. Ich weiß, das ist so leicht gesagt, aber nicht, wenn man am Abgrund steht. Aber es geht ja noch weiter: Und wenn die ihren scheiß Turbokapitalismus so haben wollen, dann müssen diejenigen, die jetzt im Kultur- und Gastrobereich so abkacken, komplett dafür barrierefrei entschädigt werden. DAS ist der Punkt. Und für die sozialen Aspekte, für die Menschen in den Altenheimen, für diejenigen, die psychisch vor die Hunde gehen, müssen mehr Konzepte her, wie sichere Begegnungen ermöglicht werden. Die in den Fokus gestellt und betont werden. Aber so wie es gerade läuft, ist es durchaus kritikwürdig. Und wenn sich jetzt hier irgendeine Person hinverirrt hat, die in Berlin auf diesen unsagbaren Corona-Großdemos war (nein ich meine natürlich nicht die "Alarmstufe Rot"-Demos) und angesichts meines Wortes "Kritik" denkt "ja, ja, genau!", dann jetzt bitte einmal gut zu hören: "Halt die Fresse, Du Arschloch! Dich mein ich nicht!"

Ach ja, ich differenziere an der Stelle durchaus. Ich will kein blindes "altes Dicht machen"-Ding. Warum Speise-Gaststätten mit Trennwänden, minimalem Alkoholkonsum, gutem Hygienekonzept und Öffnungszeiten bis zum frühen Abend dicht machen müssen, geht mir so gar nicht in die Birne. Und das hat nun wirklich nix damit zu tun, dass ich sowas ähnliches selber mal inne hatte.

Und da ich gerne wiederhole, hier nochmal für alle, die mich vielleicht noch immer nicht verstanden haben: Ich bin zu 100% solidarisch mit allen Menschen, die in der Kultur- und Gastrobranche jetzt abkacken. Aber meine Forderung ist nicht: Lasst die Veranstaltungen zu und die Kneipen wie gewohnt offen. Meine Haltung dazu ist, da wir dieses System nun mal haben: Jede einzelne Person, von den Kneipenbesitzer*innen, über Kellner*innen bis zu Tontechniker*innen und alle anderen, sind barrierefrei bedingungslos zu 100% finanziell zu entschädigen. Und ja, es gibt genug Geld. Man muss nur bereit dazu sein, es von denjenigen zu nehmen, die viel mehr als genug davon haben. Und nein, das ist keine verkürzte Kapitalismuskritik. Sondern Kapitalismuskritik. Und Solidarität. Und die Faust zum Gruße!

OK, genug davon, kommen wir mal zum üblichen Gelaber: Den Pfeilen auf dem Boden, den Einbeinstraßen und den Besucher*innenlots*innen zum Trotz, habe ich bei jedem Toilettengang Angst mich zu verlaufen. Mein Orientierungssinn war schon immer grandios und ist mit der Erfindung von Navigationsgeräten nicht gerade besser geworden. Also folge ich den Rufen meiner Blase frühzeitig und dürfte so in der Kilometerstatistik unter den geschätzt 150 Besucher*innen ganz vorne liegen. Nun wissen wir alle - haha - aus den Bundesligastatistiken natürlich auch, dass gelaufene Kilometer nicht zwingend mit der grundsätzlichen Leistung konform gehen. Womit ich durchaus leben kann.

Roger begrüßt die Anwesenden von der Bühne aus und berichtet, dass es morgens noch die behördliche Anordnung gegeben habe, die Stühle einzeln mit entsprechendem Abstand aufzustellen. Erst kurz vor der Veranstaltung wurde einer Zweierbestuhlung zugestimmt. Na toll. Und deswegen "muss" ich jetzt direkt neben dem Westfalen sitzen. Hat aber auch sein Gutes, da ich damit das Sitzen nicht durchgehend als notwendiges Übel empfinde: Die mit Pappschildern hinter uns sitzenden fordern zum Circlepit auf und dem feinen Herrn Westfalen reicht es nicht, dass ich ihm den Finger auffen Kopp lege und er sich samt Stuhl einmal im Kreis dreht. Stattdessen hoppelt er sich krampfhaft in Sitzhaltung festkrallend auch um die leere Zweierreihe neben uns. Und ich möchte betonen: Durchaus mit vorbildlicher Abstandshaltung.

Kritik geht an den Crackhuren-Mercher: Der war den Umständen entsprechend viel zu freundlich und grüßt uns, als wir dem Stand entgegen schlendern. Ich bin total irritiert, frage ob wir uns kennen und er meint "nö, ich wollte nur mal freundlich sein". Wo sind wir denn bitte hier? Die Security lässt ihn gewähren. Verdammte Doppelmoral.

Dann mal zu dem, was mir so gar nicht liegt: Über Musik und Bands berichten. Hat hier eigentlich auch nix verloren, dieser subjektive Scheiß. Das wird alleine schon dadurch deutlich, dass Kiki bereits draußen zu Protokoll gibt, dass er mit der Band Totenwald so gar nix anfangen kann. Deswegen versuche ich die Aspekte Band und Musik so weit wie möglich zu trennen. Und das geht ungefähr so:

Kruste starten diesen Abend und sind bestimmt zusammen mit den Crackhuren im Nightliner aus Berlin angereist. Die männlich gelesenen Personen beider Bands teilen sich nämlich offensichtlich Teile ihrer grellweißen Bekleidung und der junge Mann auf der Bühne mit ohne gesanglicher oder instrumentaler Funktion übertreibt es ganz offensichtlich mit seiner individuellen Cornomaßnahme. Oder anders: Natürlich ist der begnadendste Tänzer Duisburgs, äh... Berlins, auch heute wieder von seiner figurbetonten weißen Ganzkörperverhüllung verdeckt. Und trinkt durch diese auch wieder locker flockig sein Bierchen. Es ist und bleibt unglaublich, wie auch famos. Soviel zum musikalischen, haha.

In der Pause wird für mich ein weiteres Manko der Gastronomie- und Kulturkonzepte deutlich und das ist die mangelnde Sensibilisierung für das Thema Datenschutz. Was ich da in gastronomischen Betrieben alles schon erlebt habe, geht auf keine Haut einer ausgewachsenen Kuh. Und solange ich nicht nahezu 100%ig sicher sein kann, dass meine Daten nicht in Hände geraten, wo sie nichts zu suchen haben, kann ich es nachvollziehen, wenn Menschen sich weigern ihre korrekten Daten Preis zu geben. Jaja, jetzt könnte ich in Zeiten wie diesen doch auch mal ein Auge zu drücken, weil andere Dinge wichtiger sind. Nee, muss ich nicht. Wenn ich das kritisiere, heißt das nicht "alles dicht machen", sondern an der Stelle für Verbesserungen zu sorgen, um eben NICHT alles dicht machen zu müssen. Und ich will auch gar nicht den großen Zeigefinger schwingen, denn der Tritt geht eher in Richtung der politischen Schienbeine, die mit Strafen drohen, wenn ich falsche Angaben machen. Denn hier fehlen ganz offensichtlich ganz klare Vorgaben zusätzlich geeigneter Kommunikation, wie was zu geschehen hat. Das bezieht sich jetzt weniger auf die heutige Veranstaltung, sondern viel mehr auf Gastronomie-Besuche. Und wenn da mal einer durch die Läden stampft und dem einen oder anderen Betreiber notfalls sagt: "Ey, lass die Listen hier mal nicht so offen liegen und mach bitte für jede Besucher*innengruppe einen eigenen Zettel, damit die die vorherigen Einträge nicht sehen können." Aber der gedankliche Ursprung ist natürlich auch das heutige Konzert:

Wieder einmal betont außen vorgelassen: Der Veranstalter. Der kann die zuständigen Menschen vor Ort (keine Ahnung ob das städtische Angestellte waren oder Teile des Securitygeschwaders) 1000 mal auf Einzelheiten hinweisen, wenn es um Selbstverständlichkeiten geht, die einem minimalen logischen Denkprozess geschuldet sind. Ich will an der Stelle auch gar nicht auf Einzelheiten eingehen. Nur eins: In jedem Autonomen Zentrum oder bei jeder Veranstaltung an einem autonomen, unkommerziellen Ort, bin ich hinsichtlich meiner persönlichen Daten beruhigter, als wenn irgendwelche bezahlte Securitymenschen oder behördliche Personen diese einsammeln oder verwalten. Letztens noch live in absoluter Vorbildaktion erlebt. Muss reichen.

Band Nummer 2: Bazooka Zirkus. Mit den ersten beiden Alben auf RilRec, inzwischen mit dem dritten auf Kidnap gelandet. Spielen viele alte, aber auch neue Songs, die mir genauso gut gefallen. Ich freu mich die Jungs mal wieder zu sehen, auch wenn der persönliche Kontakt sich vor dem Linecheck auf ein winken von der Bühne, Faust-Stupsen oder dem üblichen "schön, dass Du da bist" vs. "nee, schön dass IHR da seid" beschränkt. Trotz aller Begeisterung und Freude muss ich die Steilvorlage dennoch aufnehmen. Sänger Micha: "Unser Label hat uns zu der folgenden Indie-Pop-Nummer geraten, weil sowas immer gut ankommt." Bis da oben ungehörte Antwort meinerseits: "Tja.... wärt ihr mal..." (pünktchen, pünktchen, pünktchen)

Es folgen die famosen Crackhuren im Kofferraum. Herrlich, ich mag die voll. Trotzdem schaffe ich es nach dem halben Set erfolgreich Pommes zu holen. Ich grinse in mich hinein, wie ich diesen unnötigen und kontraproduktiven Schachzug noch immer bewältigt bekomme. Für Nichtwissende: "Pommes holen" ist ein Synonym für "sich ohne Verabschiedung noch während der Konzerts verpissen". Das ist zu so einem eigentlich total unverständlichen Running Gag geworden, dass ich es einfach immer wieder mache, weil ich es nach ein paar Bier total lustig finde und erst am nächsten Morgen denke: "Ey, warum hat Du das gemacht?!"

Also stehe ich plötzlich draußen im Regen und erinnere mich wie Kiki vor dem Eintritt zu mir gesagt hat: "Du kannst auch einfach da vorne hergehen, dann die Treppe runter und dann biste in 2 Minuten am Bahnhof." Ich brauche 20 Minuten, weil ich mich jämmerlich verlaufe. Wo sind die Pfeile und das Securitygeschwader, wenn man sie braucht? Also zumindest ich.

Ich steige in die S-Bahn und stelle fest, was ich schon vorher wusste: Wäre ich noch die halbe Stunde bis zum Ende geblieben, hätte ich einen perfekten Anschluss vom Regionalexpress in den Bus gehabt und meine Laufstrecke in wahl-hate-your-heimatlichen Gefilden auf ein Minimum reduziert.

Das Wetter ist scheiße, also beschließe ich die in den letzten Monaten gesparte Kohle in eine Taxifahrt zu investieren. Am Hauptbahnhof stehen selbst hier immer genug davon rum. Die Wegstrecke vom davor kommenden Stadtteilbahnhof nach Hause ist jedoch ca. 300 Meter kürzer und eine Taxifahrt entsprechend ein paar Cent preiswerter. Also steige ich bereits dort aus und noch während die Türen der S-Bahn hinter mir schließen wird mir bewusst, dass ich das schon so oft gedacht und umgesetzt habe, aber hier noch nie ein Taxi stand. Auch auf dem Weg durch diesen als social burning point verschrienen Stadtteil ist mir noch nie eins begegnet. So auch heute. Ich versuche die Laufstrecke zu genießen und stelle mir vor, wie hier bald alles gentrifiziert wird. Ein paar notwendige Voraussetzungen dafür erkenne ich bereits. Doch spätestens am Ende der stadtteilischen Hauptstraße bin ich vor allem mit meiner Atmung beschäftigt, die sich gegen den steilen Weg der letzten zu bewältigenden Kilometer zu wehren versucht.

Eine halbe Stunde später habe ich es geschafft. Ich freue mich, morgen fit zu sein, denn ich habe mal wieder bewusst getrunken. Das heißt bei mir: Vor dem Gig vier Flaschen Hansa, dann noch ein paar der leider ausschließlich vorhandenen 0,33-Flaschenbiere - allerdings dank Veranstalter für den Laden (darauf liegt die Betonung) mit akzeptablem 2 Euro-Preis - und immer mal wieder die Flasche unbemerkt auf dem Klo mit Wasser aufgefüllt. Die Kombination aus Mate vorher, dann ruhig Bier nach Wunsch, aber gepaart mit gelegentlichem Wasserkonsum, hat mir in den letzten Jahren einige schwere Kater zu verhindern gewusst. Doch offenbar habe ich die nächste Altersstufe überschritten. Was ich sagen will: Machte mir früher die Trinkerei auch ohne Maßnahmen nix aus, musste ich in den letzten Jahren zu dieser List greifen, um am näxten Tag halbwegs über die Runden zu kommen. Doch jetzt scheint auch das nix mehr zu nützen. Ich verbringe den Folgetag, mich wie ausgekotzt fühlend, im Bett. Dabei waren es nicht einmal Unmengen, die ich da konsumiert habe. Der Kater ist jetzt auch nicht so megakrass, wie er manchmal ist. Aber vor 5 Jahren wäre ich nach diesem berechnenden Konsum durchaus frisch gewesen.

So ganz will ich das nicht wahrhaben. Nein, ich bin schon genug gealtert. Da gibt es keine nächste Stufe, die ich noch überschreiten könnte und jetzt überschritten habe. Das können meinetwegen andere, deren Lebenswelten ganz andere sind, als die meinige. Doch dann mache ich den Fernseher an und sehe, wie ein alter Mann im Keller steht und stolz seine Modellbaueisenbahn präsentiert. Und ich denke: "Boahr, geil!" Verdammt.

Gute Nacht!