Zu faul zum lesen? Einfach den obigen Player für die Hörversion betätigen.

Textversion:

Ich befinde mich ja noch immer in der Punkrock-Eingliederungsphase, nachdem ich dank meiner etwa dreijährigen gastronomischen Selbständigkeit meine Konzertbesuche auf etwa 1/10 reduzieren musste. Danach grätschte Corona dazwischen, so dass ich versuchte über einen lohnabhängigen Arbeitsplatz beim Plastic Bomb die Sache zu forcieren, was leider ziemlich daneben ging. Was ich in der Zeit aber aufgeschnappt habe ist, dass Akne Kid Joe in den letzten Jahren oder Monaten hinsichtlich ihres Bekanntheitsgrades einen ziemlichen Sprung nach vorne gemacht haben. So weit, dass sie heute in einer Lokalität wie der Börse Wuppertal spielen. Gelogen! So weit, dass sie heute in der Börse Wuppertal spielen. Einem Kulturzentrum bei 14 Ocken Eintritt. Gezwungenermaßen bestuhlt. Für mich ein weiterer Schritt in ein altes Leben, welches angesichts der Umstände noch immer weit entfernt scheint. Zumindest was den musikalischen und tanzbaren Part angeht.

Sabbi fährt, Anny und Ronja steigen dazu. Das verläuft auch soweit friedlich, bis wir am Ziel sind und Ronja die von ihr besorgten Karten auf die Theke legt. Mein Adlerauge braucht nicht lange, bis es den Text auf den Karten fokussiert und das Wort "Tomte" entdeckt. Ich bin außer mir: "Na super, danke. Klar, dass das hier 14 Ocken kostet, ich hab da keinen Bock drauf."

Dass ich mich irgendwie verlesen haben muss, beweist das Banner auf der Bühne, welches in großen Buchstaben die Band ankündigt: "Oasis." Na ein Glück. Dazu gibt es in der gefühlt fünfstündigen Wartezeit bis zu Beginn sämtliche Feine Sahne-Alben vom Band in sehr, sehr laut, die irgendwann zu so einem Brei verschmelzen, dass Ronja gar behauptet, jetzt müsste es sich aber so langsam um die Broilers handeln. Im weiteren verlauf des Abends werden wir von der tatsächlich auftretenden Band noch mit ZSK bedroht. Und spätestens, wo ich für die 0,4 Liter Veltnis, ächz, 3,80 Euro berappen muss weiß ich, dass irgendwas anders ist, als sonst meistens so.

Bevor mir irgendwer mangelnde Differenziertheit vorwirft, sei an dieser Stelle erwähnt, dass das Hygienekonzept hier in der Börse positiv beeindruckt. Da habe ich schon deutlich katastrophaleres erlebt. Es sind in guten Abständen Zweier- bis Sechsertische je Bezugsgruppe im Raum verteilt und mit großen Nummern versehen. Ich habe so etwas mal in einem Film gesehen: Dort standen in einem Dating-Lokal ebenfalls solch große Nummer auf den Tischen und man konnte sich gegenseitig anrufen. Doch von einem schnurigen Telefon ist hier weit und breit nichts zu sehen. Bleiben wir halt unter uns.

Zum Tisch werden wir gebracht und auf dem Weg dorthin wird uns alles erklärt. Die Einbahnstraßen, dass durchgehend Kellner:innen durch die Gegend rennen und nach Getränkewünschen fragen und wir dann, wenn es lauter wird, nur auf die ausliegende Getränkekarte zeigen müssten. Das funktioniert so weit auch ganz hervorragend. Nur einmal gibt es einen etwa zwanzigminütigen Hänger, wo ich verzweifelt in mein leeres Glas starre und gar nicht weiß, wohin mit meinen 3,80 Euro. Da war ich drauf und dran mir zu notieren "da bin ich aus dem AZ Mülheim aber besseres gewohnt". Doch dann werde ich in 2 Minuten gleich 3 mal gefragt, ob ich noch etwas haben möchte. So schnell sind 11,40 Euro weg.

Um kurz nach halb 9 geht es dann auch endlich los. Mit Intro: Zunächst eine Hymne, wo ich schon wieder vergessen habe, was das war. Dann Football is coming home. Dann betreten Akne Kid Joe die Bühne. Ich bin total perplex. Wo kommen die denn plötzlich her?

Der Grund für den Eintrittspreis wird mir schnell klar: Die üblichen AZ-konformen 5 Ocken für die Band plus 9 für die Lichtshow. Diese beeindruckt sogar mehr als die im Rattenloch Schwerte und ist daher auch 9 Euro teurer. Ich zapple Corona-unkonform ein wenig rum um mit meinen Augen ein paar Strahlen aufzufangen. Mit steigendem Alter merke ich ein zunehmend abfallendes Sehvermögen und hörte mal was von Laserbehandlung. So richtig gewirkt hat das aber nicht. Und "zunehmend abfallend" ist ja sowieso eine fragwürdige Behauptung. Hätte ich mir darüber mal eher Gedanken gemacht.

Die Pickelgesichter auf der Bühne überzeugen auf der ganzen Linie. Dass die Bande äußerst sympathisch ist, war mir ja bereits bekannt. Aber ich habe sie, zumindest soweit ich mich erinnere, auf Grund der schon 1000 mal genannten Gründe glaube ich wirklich noch nie live gesehen. Will sagen: Musikalisch ganz herovrragend. Ganz anders als das einlullende Vorprogramm und die Drohungen auf Eintrittskarte und Bühnenwand. Dazu wundervolle selbstironische und sonstige witzige Ansagen. Da ist die Kombo von ihrer Spontanität selber so beeindruckt, dass sie mit den gleichen Worten ihren Auftritt in Osnabrück bestreiten wollen. Auch wenn dort wohl kaum jemand etwas mit der Geschichte des Elefanten Tuffi, der einst aus der Wuppertaler Schwebebahn gesprungen ist, anfangen kann. Aber umso cooler.

Es ist mega diese tolle Band mit diesen netten Menschen heute live sehen zu können. Nach so viel Entzug. Doch von Lied zu Lied geht es mir immer mehr auf den Sack, dass ich hier sitze. Dass ich im sitzen, statt wie gewohnt im stehen mit Füsschen und Köpfchen wippen kann. Dass ich nicht mal von der einen zur anderen Box mit einer Kanne Hansa torkeln kann, um dort Coco den Zeigefinger auffen Kopp zu legen, damit diese sich regelkonfurm im Kreis dreht. Dass ich nicht von dort ein Stück weiter gehen kann um irgendeinen mir bekannten nachzügelnden Menschen freudig zu umarmen. Dass wir nicht mal anschwitzen können, uns nicht in den Armen liegen und unsere Zungen ganz tief in die gleichen Pfeffi-Flaschen stecken können. OK, letztegenanntes kann ich tatsächlich drauf verzichten, aber das alles hier ist abseits der Mucke so dermaßen weit von all dem entfernt, was fehlt. Bei allem Verständnis dafür, dass es noch immer und vermutlich noch länger fehlen muss.

Dafür gibt es Großbühnenkonforme Zugaben. Davor läuft kurze Feine Sahne. Ey, Band, das habt ihr doch inszeniert. So witzig kann doch kein Mensch am Mischpult sein. Dann spielt die Band noch zwei Gassenhauer und verabschiedet sich mit einem Outro vom Band von Oasis. Von der Band, mit der heute vor 25 Jahren irgendwas war. "Don’t Look Back In Anger". Schau nicht nach hinten, wenn du im Anker liegst. Den Sinn dieses Titels hab ich nie verstanden.

Quintessenz: Warum es keine Vorband gab entzieht sich meiner Kenntnis. Sänger Matthias erwähnte stattdessen die Bands von Menschen, die im Publikum sitzen, stellvertretend für die nicht vorhandenen Vorbands. Am Ende bin ich aber fast froh darüber, auch wenn ich bei den erwähnten Namen teilweise weinen muss, dass diese gerade nicht in den vor mir oben genannten gewünschten Rahmen musizierend vor mir stehen. Zusammen mit Akne Kid Joe. Rotzdem: Es war zwischen sehr schön und sehr schade. Die 14 Ocken habe ich trotz des inneren Genörgels gerne bezahlt, da auch die Börse Wuppertal ein erhaltenswerter Laden ist und die Band schließlich auch irgendwie nach Hannover kommen muss. So weit fährt die Schwebebahn ja bekanntlich nicht im Rahmen des öffentlichen Nahverkehrs. Und jetzt geht´s ab nach Hause. Und die ganze Zeit Oasis aus den Boxen. Gute Nacht!