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Aniyo Kore, Lügen @Werkstatt Witten, 24.10.20

Ich bin ja ein ganz, ganz großer Freunde von schlaflosen Nächten. Einpennen, ne Stunde später wieder wach werden und im Dunklen versuchen an die Decke zu starren. Klappt nicht, weil zu dunkel. Muss aber auch nicht. Da "an die Decke starren" eh nur ein Synonym für "über allen möglichen Scheiß nachdenken, obwohl ich das gar nicht will, aber die Scheiße schießt durch meinen Kopf und ich krieg sie auch nicht mehr raus, verdammte Axt", steht. Womit die Nacht dann im Regelfall beendet ist. Zumindest der Teil, den ich schlafend verbringe. Letzte Nacht ging das in etwas so:

23:55 Uhr und ich werde nach nicht einmal 60 Minuten Schlaf mit den fragenden Gedanken wach, wo diese ganzen Verschwörungstheorien herkommen. Basieren diese wirklich auf den ganz Großen dieser Zunft? Auf Naidoo, Hildmann, Ken FM und wie se alle heißen, die nächtliche Eingebungen haben - ähnlich wie ich. Und am nächsten Morgen sind sie dann überzeugt davon, dass Bill Gates via Microships in Impfstoffen die Menschheit verklaven will? Oder sind es doch eher ein paar äußerst phantasievolle Jugendliche, die sich mehr oder weniger witzige Sachen ausdenken, diese in entsprechende Kanäle streuen und dann Wetten abschließen, wessen wahnwitzige Idee am weitesten verbreitet wird? Vielleicht schließen die ja sogar Wetten ab, welche es davon als erste in Ken FMs-youtube-Kanal oder gar ins TV schafft? Und wo wir gerade bei Verschwörungstheorien sind: Vielleicht gibt es ja sogar dafür eigene Wettbüros im Untergrund. Verdammt. Wie hoch mag bloß die Quote für die Idee gewesen sein, dass die Mächtigen dieser Welt in unterirdischen Laboren Kinder foltern und hinterher deren Blut trinken, um ewig jung zu bleiben? Dass an sowas Menschen tatsächlich glauben und diese Theorie es ganz weit bringen wird, da hätte doch kein Wettbüro-Booker der Welt mit rechnen können. Der Mensch mit dem Hirn, das auf sowas gekommen ist, ist vermutlich inzwischen stinkereich. Und lacht sich jedes Mal schlapp, wenn Herr Hildmann mal wieder durch die Medien geistert und eine seiner geistigen Erfindungen reproduziert und in die Welt posaunt. Ich gratuliere! Aber irgendwie hat das alles ja auch ca. 2020jährige Tradition.

Verschwörungsspinner*innenfreie Zone hingegen ist in der Werkstatt Witten. Ein weiteres trauriges Kapitel in der Folge "was mache ich hier überhaupt"? Ich sitze bei einem Konzert, wo ich viel lieber an der Wand lehnen würde. Ich zahle für eine kleine Flasche Bier 3 Euro. Und eine ständige Maskenpflicht hat uns auf Grund der steigenenden Corona-Zahlen auch eingeholt. Zu all dem kann Veranstalter Mazze nix. Der macht sogar das beste draus und schnappt sich als sonst für das kleinere anhängende Jugendzentrum "Treff" Verantwortliche bei überschaubaren 6,50 Euro Eintritt einen deutlich größeren Raum im Kulturzentrum Werkstatt wo die Abstände mehr als groß genug sind. Und das liegt nicht nur an dem leider nicht ausverkauften Zustand dieser Veranstaltung. Das Hygienekonzept ist perfekt und es wird sogar auf die Einhaltung geachtet. Klingt doof, aber für mich ist es bei solchen Menschen-Ansammlungen tatsächlich gerade sehr wichtig, mich in der Hinsicht sicher zu fühlen. Auch wenn ich direkt zittere, wenn ein Wort wie "Sicherheit" in Verbindung mit "Regeln" durch meinen Kopf schießt. Die Zeiten sind halt andere.

Ebenfalls Teil des Sicherheitskonzepts ist eine gute Lüftung vor und zwischen den Bands mittels weit geöffneter Tür ins Freie. Auch hier empfinde ich ein erhabenes Gefühl der Gelassenheit, da auf Grund der Luftströmung und der Sitzpositionen potentielle Viren von mir in Richtung Fö, der ebenfalls wie wir in Reihe 1 sitzt, sich jedoch durch den Mittelgang trennen lässt, geblasen werden.

Aniyo Kore eröffnen den Abend und ich mache mir bereits vor Beginn Gedanken, ob es sehr doof kommt, wenn ich nach 2 Minuten aufstehe und nach draußen gehe. Hier sieht mensch ja alles und jede*n. Ich kannte die Kombo bisher gar nicht und alles was ich so im Netz gefunden habe, fand ich ziemlich schlimm. Doch dann passiert etwas unvorhersehbares: Die Band zieht mich von Song zu Song immer weiter mit. Ich verzichte mal auf die Floskel "flasht mich", obwohl die Situation es fast verdient hätte. Das ist mal was ganz was anderes, als ich sonst so höre und ich sehne mich nach einem kleinen, dunklen Londoner Club und den 80ern, wo ich tatsächlich an der Wand lehne und vieles erst für mich beginnt. Vielleicht würde ich sogar, was ich noch nie gemacht habe, Pilze probieren. Fö, was ist das eigentlich fürn Genre?

Fö:"Sphärischer, noisiger, triffiger Alternative Rock."

Soso.

Ferner weiß Fö zu berichten, dass es die Kombo tatsächlich schon länger gibt und sie sich durch Besetzungswechsel und ständig neue musikalische Richtungswechsel auszeichnet. Da sei ihm seine Stammelei beim Beantworten meiner Frage mal verziehen.

Es folgen Lügen. Wie ich immer so unschön sage: "Jetzt hat der Häbba, Häbba, Häbba (Bassist dieser Kapelle) sogar schon zwei gute Bands." Den sehe ich heute trotz langjähriger Kennung zum ersten Mal ohne Mütze und bin irritiert. Ändert aber nix daran, dass ich auch hier von meiner Sitzhaltung nicht gerade begeistert bin.

Was soll ich ansonsten von so einer Veranstaltung auch groß berichten? Nicht einmal den öffentlichen Personennahverkehr mussten wir frequentieren. Es ist, wie es ist. Gute Nacht!


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