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D.I.Y. or die?

Am Wochenende war ich an einem Wohlfühlort, der vieles von dem, mit dem ich mich identifiziere, verkörpert. Getränke und Livemusik gab es gegen Spende. Es war friedlich, die Menschen achteten aufeinander und auch ohne offizielle Reglementierungen lief alles, soweit von mir wahrgenommen, in Bahnen ab, die von gegenseitigem Respekt zollten. Die Kronkorken der geöffneten Flaschen landeten zunächst in der eigenen Hosentasche, bevor sie in den Müll geworfen wurden und auch die leeren Getränke wurden nicht einfach so stehen gelassen, weil irgendwer das schon wegmacht, sondern zurück in die Kisten gebracht. Anderen Behauptungen zum Trotz sind solche Begegnungen meist bestens organsiert, auch ohne dass irgendwer damit Geld verdient. Die Bands auf der Bühne verkörperten den Punkrock, den ich liebe. Nicht in der Art, dass ich alle drei Kombos musikalisch abfeiere. Sondern in ihrem DIY-Dasein. No use for a Booking-Agentur oder andere kommerzielle Protagonist*innen ist hier eine Selbstverständlichkeit.

Genau das war auch kurz Thema an besagtem Abend. Und meine ambivalente Meinung dazu ist gar nicht so leicht in Worte zu fassen. In den letzten Monaten kursierten viele Spendenaufrufe. Viele Rufe nach Solidarität für kommerzielle Veranstaltungsorte und es wurde viel über fehlende Einkünfte von Booker*innen und anderen - wenn mensch es denn so nennen will - szenezugehörigen Menschen geklagt. Das würde ich auch nie verurteilen oder scheiße finden. Was mich nur bei manchen Meinungsmachenden etwas angenervt hat sind Töne, die in die Richtung gingen, dass wir alle Gefahr laufen ohne diese Protagonist*innen am Ende von Corona ohne unsere geliebte Subkultur, Lebenseinstellung und alles was dazu gehört dazustehen. Als würde es eine umkommerzielle Szene gar nicht geben oder als sei diese total scheiße oder alleine nicht überlebensfähig. Und nein: Damit will ich nicht sagen, dass ich diese Aufrufe nicht gutheiße. Es gibt auch für mich kommerzielle Protagonist*innen, die ich gerne unterstütze.

Dass der Punk seine unkommerzielle Unschuld schon zu Sex Pistols-Zeiten verloren hat, steht ja außer Frage. Und ich bin weit entfernt von sowas wie richtigem oder falschem Punk zu sprechen. Geh mich weck mit Schubladen! Und die Frage, ob es besser ist seine ganze Energie in die sogenannte Szene zu stecken und damit am Ende seinen Lebensunterhalt zu bestreiten oder man sich doch besser als Lohnabhängige oder Hilfebeziehende diesem System mindestens genauso unterordnet, fällt mir nach wie vor schwer zu beantworten. Doch wenn ich für eine Band in einem Laden, wo ich für 0,4 Liter Bier fast 4 Ocken auf den Teller werfe, 14 Ocken Eintritt bezahle, weil davon eine Menge Leute gut bezahlt werden müssen, dann ist das nicht die Nische, in der ich mich pudelwohl fühle. Auch wenn ich vielleicht mal hingehe ohne dort jemanden mit Scheiße beschmeißen zu wollen.

Auf der anderen Seite stehen ein paar mir sehr ans Herz gewachsende Menschen, die genau mit solchen Booking Agenturen oder anderen Dingen ihr Geld verdienen. Denen ich auch gönne, davon leben zu können und wo ich weiß, dass sie einen Stundenlohn haben, der vermutlich grob bei dem liegt, den ich zweieinhalb Jahre als Kneipenbesitzer bekam. Menschen, denen ich nach wie vor abnehme, dass sie das alles machen, weil ihnen Punk und Szene am Herzen liegen. Die wohl oder übel in der Summe ihres Engagements auch davon leben müssen. Oder eben auch die eine oder andere Band, bei der es mir schwer fällt ihnen vorzuwerfen, dass sie von der Musik leben können. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch Typen, denen gönne ich kaum noch das Schwarze unterm Fingernagel. Weil das, was sie da machen, von dem, was für mich Punk oder Punkrock ausmacht, meilenweit entfernt ist. Weil Kompromisse gemacht werden müssen, zu denen ich im Leben nicht bereit wäre. Oder weil sie selber bereits Ansichten haben oder Dinge durchgehen lassen, die ich nur verachten kann. Spart Euch die Fragen nach Köpfen, darauf verzichte ich ganz bewusst. Das was ich mir nur zukünftig von mir selber wünsche, ist eine klarere Grenzziehung an der Stelle, wo bei mir die persönliche eigentliche Toleranzschwäche liegt. Und kein "die Band will ich aber unbedingt sehen, da mach ich mal ne Ausnahme" mehr. (Dass diese Toleranzschwelle natürlich meilenweit von Läden, die kein Problem mit Frei.Wild in Konsorten haben, liegt, liegt auf der Hand.)

Es gibt kommerzielle Läden, die mag ich sehr. Die Läden, die Macher*innen und viele Gäste. Der Sonic Ballroom sei hier mal stellvertretend genannt. Und natürlich gibt es auf der anderen Seite auch im unkommerziellen Sektor Protagnoist*innen, die guck ich mit dem Arsch nicht mehr an. Und so ist am Ende des Tages die Frage nach "DIY or die" natürlich völlig unzureichend beantwortet. Ich hätte kein Problem damit, wenn sich all das, wo ich Bock drauf habe, nur noch im DIY-Bereich abspielen würde. Da wo ich mich inhaltlich wiederfinde und wo die Mucke ein Teil einer gesamten Lebenswelt ist. Auf der anderen Seite gibt es aber auch sehr geschätzte Menschen, die ich in ihrer Authentizität nach wie vor respektiere, obwohl sie ihren Lebensunterhalt durch Gelder aus der sogenannten Szene bestreiten und die ich sogar gerne unterstütze, damit es so bleiben kann. Das Ganze ist und bleibt für mich ein zweischneidiges Schwert, bei dem ich am Ende des Tages am liebsten im AZ hocke und mir solche unnötigen Gedanken spare. Und wenn The Kleins damals ihren verdienten Ruhm erlangt hätten, würde ich mir sowas hier vielleicht auch sparen. Gute Nacht!